BINGO
von extranjeraVor zwei Tagen hatte mein französischer Mitbewohner nebst Freunden die Idee zum Abendessen in einen Bingoclub zu gehen. Sie hatten das zuvor schon einmal getestet und in Erfahrung gebracht, dass beim Bingo die Preise für ein Abendessen sehr günstig (ca. 3 Euro für ein Menu) sind. Ich hatte an dem Abend zwar bereits gegessen, aber der Plan hörte sich lustig an, also beschloß ich den Tross zu begleiten. Zuerst sollte ein Bingo gleich um die Ecke getestet werden.
Schon der Eingangsbereich eines solchen Etablissements wirkt auf einen Normalsterblichen Nicht-Bingo-Gänger sehr skurril. An einer Art Rezeption muss man seinen Auweis abgeben, um dann an einer Tür darauf zu warten, dass das Zeichen “Entrada” aufleuchtet. Dann darf man eintreten.
Der erste Laden war recht klein und nur spärlich gefüllt. Wir wurden auch sofort von den wenigen Anwesenden skeptisch beäugt - wahrscheinlich auch deswegen weil wir das Durchschnittsalter im Raum mit einem Schlag um mindestens 45 Jahre gesenkt hatten.
Nach dem wir nicht sofort ins Spiel einsteigen wollten (wir waren ja eigentlich nur zum Essen und Gucken da) ging auch gleich ein Gemurmel los, aus dem ich Wortfetzen wie: “Wenn die nicht spielen wollen, dann sollen sie dorch draußen bleiben” aufschnappen konnte.
Nun muss ich hier dazu sagen, dass sich beim Bingo die Gewinnsumme aus der Anzahl der Mitspieler errechnet. Nörgeln war aber mit Sicherheit nicht die richtige Strategie, um uns zum Bleiben und Mitspielen zu bewegen - also spielten wir 2 cartones (das sind Zettel, auf denen die Zahlen stehen, ein carton kostet ca. 1,50-2 Euro) und machten und schleunigst auf den Weg zur nächsten Bingo-Location.
Die wirkte sehr viel ansprechender, war wesentlich größer und gut gefüllt. Der Skurrilitätsfaktor blieb aber weiterhin bestehen. An jeder Wand hingen riesige Anzeigetafeln, auf denen man jegliche Art von Information zum Spiel in großen Leuchtziffern ablesen konnte. Ständig wuselten aufgeregte Angestellte herum, um die Bingoscheine (die cartones) an den Mann oder die Frau zu bringen. An der Stirnseite des Saales befand sich eine Art Podium, welches mich ein wenig an das Prasidium im Budestag erinnerte - nur eben viel viel kleiner. Zu oberst saß ein Conférencier, bzw. das weibliche Pendant, die mit einer wunderbar eintönigen Stimme die in der Lotterieurne gezogenen Zahlen verkündete.
Kurzum die Mär vom pervers günstigen Abendessen bewahrheitete sich - eine gute Portion mit Fleisch, Kartoffeln und Gemüse für 3 Euro, das Bier 1,20 - das ist bis jetzt unschlagbar. Als Zugabe gabs das “ich fühl mich wie in nem amerikanischen 80er Jahre-Film”-Feeling gratis dazu. Nicht zu vergessen der Cortado (kleiner, sehr starker Kaffee oder Espresso) und das Glas frischgepressten Orangensafts.
Aber keine Angst, ich glaube nicht, dass das unser Stammlokal wird.
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